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Erinnerungen Teil 4       Chronologie stimmt nicht immer !

Schulerstraße:

Am Gang gegenüber wohnte eine kleine alte Frau, Frau Helmer, deren Sohn als Chauffeur bei der Gemeinde Wien tätig war. Sie war Witwe und hatte viel freie Zeit. So half sie bei uns aus, wann immer wir es brauchten. Sonst betreute sie mich, wenn Oma keine Zeit für mich hatte oder ich ein Essen brauchte. Sie war so sehr in unser Familienleben integriert, daß sie auch unsere Schlüssel und jederzeit Zutritt zur Wohnung hatte.

Sie hat den Krieg und die Besatzung mit uns miterlebt und alle Sorgen mit uns geteilt. Sie starb erst, als ich schon nach meiner Hochzeit aus der Wohnung ausge­zogen war. Leider habe ich zu spät davon erfahren.

Sie ging auch regelmäßig in die Stephanskirche und war natürlich mit dem Meßritus voll vertraut. Ich war im Krieg auch Ministrant, habe aber meist beim Segen meinen Dienst gemacht, weil ich zu faul war die ganzen Handgriffe in der Reihenfolge und Latein zu lernen. Schließlich ministrierte ich doch bei einer Messe. Im Dom sind bei den Pfeilern kleine Altäre, wo oft Messen nebeneinander gelesen wurden. Die Gläubigen konnten daher fast auf Tuchfühlung zu den Ministranten an der Bank knien. Meine erste Messe war daher von Frau Helmer begleitet, die mir akustisch helfen wollte wenn ich etwas falsch machte. Nur – sie nuschelte und sprach leise.  Da ich viel falsch machte hatte sie dauernd Grund mir Anweisungen zu geben. Trotzdem hat mich der Priester aufmerksam machen müssen daß Zeit sei ihm Wein und Wasser zu reichen. Das hatte ich verpaßt. Und daß ich läuten mußte, nur wann hatte ich vergessen. Also läutete ich immer wenn ich von hinten irgendeine Anweisung hörte die ich nicht verstand. Viel zu oft wie ich später erfuhr. Meine Klinglerei ergab wahrscheinlich die lustigste Messe die je im Dom gehalten wurde. 

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Es muß so etwa Fasching 1937 gewesen sein, als mich Klassenfreunde überredeten, bei einem Fest­zug  durch die Hauptallee mitzumachen. Ich weiß nicht mehr worum es sich da handelte. Aber die Organisation lag in den Händen von "Roten", das Lokal war in der Kumpfgasse und ich hatte mich selbstständig dafür interessiert. Als Mutter da­von hörte, daß ich als "Kind eines schwarzen Gewerbetreibenden" da mitmachen wollte, verbot sie es erst einmal. Sie hatte aber nicht mit meiner Hartnäckigkeit ge­rechnet. Also ließ sie sich erweichen, daß ich mit Maske irgendwo mitmachen dürfe.

Als Maske passend war einer der Zwerge beim Schneewittchen. Es war der 6. Zwerg, denn ich war immer sehr klein. Da würde mich sicher niemand erkennen. So schlich ich mich immer wieder hin und probte für den Auftritt. Es sollte ein Pferdewagen sein, auf dem das Märchen aufgebaut war. Ich sollte mit einem Hammer auf einem Amboß herum klopfen und einen Schmied markieren. Irgendwo ist es dann aber nicht dazu gekommen. Weil ich krank wurde oder weil irgendwer es doch abwen­den konnte. Jedenfalls bin ich nie wieder als Zwerg engagiert worden.

Am Tag des Festzuges durfte ich dann mit dem Kindermädchen in die Hauptallee gehen und habe mit leiser Traurigkeit meine Freunde als Zwerge bewundert.

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Advent - ich erinnere mich an einen großen, bärtigen Nikolaus, der uns besuchte und so eine eigenartig böhmische Aussprache hatte. Später hörte ich die gleichen Laute bei unserem Schuster von der Domgasse wieder, als ich Schuhe von der Re­paratur abholte. Im Jahr darauf war der Respekt vor dem Nikolaus nicht mehr ganz so groß.

Dann kam endlich Weihnachten. Die Christbaumbeleuchtung hatten wir damals mit echten Kerzen und elektrischer Beleuch­tung gemischt. Die beleuchtete Krippe lebte von einem Akkumulator, der aus einem Glasge­fäß mit heller Flüssigkeit be­stand und immer vom Elektriker auf­geladen werden mußte. So ging ich ins Elektro­geschäft Knoblich, gleich im Haus gegenüber und holte am Heiligen Abend den für uns aufgeladenen und reservierten Akkumulator, mit äußerster Vorsicht, damit ich ja nichts zerbrach oder verschüttete. Dann wurde dieser vom Vater übernom­men und in's Christkindlzimmer getragen. Der Rest war für mich unsichtbar. Er diente für die Beleuchtung der großen Krippe.

Aber regelmäßig gab es dann einen Kurzschluß in der ganzen 220m2 großen Woh­nung mit ihren direkt in Gips verlegten und mit Seide umhüllten Leitungen. Meine Aufgabe war es dann, meist knapp vor 12 Uhr, um Hilfe zu laufen. Der Meister war­tete bereits auf dieses jährliche Malheur mit bereiten Sicherungen und Meßgeräten. Fachkundig wechselte er alle geschmolze­nen Sicherungen aus, nicht ohne noch irgendwo ein Stück Draht ausgetauscht zu haben. Zufrieden ging der Meister dann nach Hause, SEINE Weihnacht zu feiern. Denn wir waren immer seine letzte Kunde zu Weihnachten mit dem jährlich sich wiederholenden Kurzschluß.

Am Heiligen Abend wurde ich dann immer beschäftigt - Oma stand mit mir am Kü­chenfen­ster um eventuell vorbeifliegende Engel zu sehen - während Vater das Weihnachtszimmer herrichtete. Erst wenn die Glocke läutete, durften wir zur Besche­rung hineinkommen.

Nachdem Vater das Weihnachtsevangelium vorgelesen hatte - später habe ich das machen dürfen -  einem "Stille Nacht" und einem Gebet wurden dann die Ge­schenke abgedeckt, die bis dahin unverpackt unter Tüchern versteckt waren. Nur ganz besondere Überraschungen waren noch einmal extra eingepackt. Dann setz­ten wir uns zu einem einfachen Essen zusammen - meistens kalt, da ja kein Personal da war - und ich durfte ausnahmsweise län­ger aufbleiben.

Meist war meine Großmutter mütterlicherseits dabei, nach ihrem Tod stand dann immer ihr Bild auf der Krippe.

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Ein Weihnachtsfest hätte beinahe nicht stattgefunden. Ich war unruhig und unleid­lich den ganzen Tag. Die Werkstatt lag zwei Zimmer von meinem Kinderzimmer entfernt und ich lief dauernd zwischen dem Personal herum, peinigte alle mit mei­nen Fragen und nervte Familie und Arbeiterinnen. Da erklärte mein Vater - der na­türlich heimlich bereits den Christbaum schmückte - daß es heuer mit Weihnachten wohl nichts werden würde. Wenn es so weiter­geht mit mir, werde das Christkind nur ein paar Flinserln und einen Besen für mich übrig haben.

So lief ich immer wieder zwischen allen herum und kam plötzlich in unser großes Vorzim­mer. Da stand - ich erschrak natürlich furchtbar - ein Besen und auf dem Boden lagen Staub und silberne Flinserln! Jetzt hatte ich es! Ich lief weinend in mein Zimmer und bereute schon meine Missetaten.

Ich ahnte ja nicht, daß die Lehrmädchen auch im Weihnachtszimmer - unserem Kundensa­lon  - zusammengekehrt hatten und unter dem bereits geschmückten Baum auch alle Silber­fäden mitgekehrt hatten. Wie immer, zum aussortieren der Stecknadeln, lag dann der Mist im Vorzimmer. Daß der Besen zufällig noch dane­ben stand erhöhte den Ernst der Situation für mich.

Jedenfalls war ich plötzlich lammfromm und habe dann doch noch einen schönen Weih­nachtsabend erlebt, wenn auch die Erwachsenen leise schmunzelten, was ich damals aber gar nicht verstand.

Mein Vater erzählte mir oft Gute-Nacht-Geschichten. Es waren immer selbst erfun­dene Geschichten von einer Eichkatzerlfamilie. Es gab da einen Hansi, Franzi und wie so die damals gängigen Namen waren. (Hans hieß er, und Franz sein Bruder). Ich bettelte dann immer um mehr und längere Geschichten, bis sich sein Kopf über mich beugte und sein Schnurrbart, den er Zeit seines Lebens hatte, mich beim Gute-Nacht-Kuß kitzelte.

Ob ich deswegen auch immer Bart getragen habe, obwohl es zu meiner Jugend­zeit sicher­lich nicht modern war?

Ich habe oft nach der Gute-Nacht-Geschichte noch im Bett gelesen. Die Taschen­lampen haben viele Batterien gebraucht und meine Kurzsichtigkeit hat auch sicher dort ihre Ursa­che. Leider habe ich auch meine sexuellen  Kenntnisse auf diese Weise erhalten. Ich wurde geschlechtlich vollkommen indifferent erzogen. Schließ­lich waren wir zwei Brüder, hatten also keine Gelegenheit durch eine Schwester Kontakt mit dem anderen Geschlecht zu be­kommen.

Die vollkommen weibliche Umgebung behandelte mich immer nur als Kind, nie als jungen Mann. Ich nehme an, daß sich Mutter eigentlich ein Mädchen gewünscht hat, weil ich in Matrosenanzüge gesteckt wurde, eher weibliche Mäntel und vor allem rund gesteppte Filz­hüte bekam, für die ich mich fürchterlich genierte. Ich habe die Hüte die ich am Weg in die Schule aufsetzen mußte, immer schon im Haus­tor heruntergenommen und in die Schulta­sche gesteckt. Als Mutter mir einmal vom Balkon aus nachsah und es entdeckte, konnte ich den Hut erst hinter der Ecke herunternehmen.

Dafür wurde ich von meinen Mitschülern gehänselt und nicht für voll genommen. Meine Schulschwierigkeiten bestanden auch in der sicher richtigen Beurteilung durch meine Leh­rer: "Er braucht endlos lange, bevor er etwas kapiert, aber dann sitzt es felsenfest!"

Alle sexuellen Anspielungen meiner Mitschüler habe ich erst später verstanden, im Augen­blick stand ich immer daneben und benahm mich wahrscheinlich aus dem­entsprechend unbeholfen und ahnungslos.

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In diesen Jahren wurde der Stephansplatz, zumindest in dem Teil zwischen Deutschem Haus, Churhaus und Südturm aus mir nicht erinnerlichen Gründen aufgegraben. Die Gräben waren nicht sehr tief und wurden mit Schaufeln händisch aufgeworfen. Dabei wurden viele Gebeine und Schädel ausgegraben. Erst da erfuhr ich, daß es rund um den Dom einen Friedhof gegeben habe, der nun durch die Aufgrabungen wieder ans Tageslicht kam. Ich habe mich zwar etwas gegruselt, doch trotzdem wie andere Kinde den Nervenkitzel ausgekostet und mit diesen Knochen gespielt. Es war eine Art Tapferkeitsprobe.

Bei dieser Gelegenheit wurde ich auch auf einen Kasten neben dem Eingang zum Churhaus aufmerksam, der von der Wiener freiwilligen Rettung stammte und in dem eine Tragbahre für den öffentlichen Gebrauch aufbewahrt wurde. Mein Vater erzählte mir, daß es eine Initiative von Graf Wilczek gewesen sei, der auch Burg Kreuzenstein gebaut hat.

Ich war Ministrant in St.Stephan. Dort gab es in der sogenannten unteren Sakristei einen großen, begehbaren Kasten in dem die Ministrantengewänder aufgehoben wurden. Mich als Schneiderlehrling traf die Aufgabe, für die Instandhaltung zu sorgen. So nähte ich Knöpfe an und flickte eingerissene Taschen.

Wir machten aber auch viel Unfug und Lärm, bis dann der Mesner oder ein Priester uns von unten zur Ruhe mahnten. Ich machte aber meinen Dienst mit vollem Eifer und Ernst. So habe ich einmal eine Anbetung beim Heiligen Grab übernommen und mich dabei beim hin­knien so unglücklich auf den Talar gekniet, daß ich mich nicht mehr voll aufrichten konnte. Aus Angst, mit einer Bewegung die Andacht zu stören, kniete ich die halbe Stunde gebückt dort.

Weihbischof Kamprath feierte sehr zeitig - meiner Erinnerung nach um 5.30h oder 6 Uhr - seine Früh­messen in der eigenen Kapelle im Zwettlhof. Dazu wurde jede Woche ein anderer Ministrant eingeteilt. Da es unser Nachbarhaus war und ich damals nichts gegen das morgendliche Aufstehen hatte, übernahm ich öfters diesen Dienst. Er lud die Ministranten dann immer auf ein Frühstück ein und plau­derte mit uns. Arme verhungerte Buben lud er auch im Sommer auf seinen Landsitz in der Gegend von Mank ein, sie mußten ministrieren, hatten aber auch Ferien­wo­chen mit Erholung.

Einmal hatte ich Gelegenheit, bei einer Messe in der Hofburgkapelle zu ministrieren. Es war meiner Erinnerung nach auch bei Weihbischof Kamprath. Ich war Infulant - wie später bei der abgebrochenen Weihe von Erzbischof-Koadjutor Jachim - und wurde über die Schau- und Privaträume der Hofburg zur Kapelle geführt. Da gab es viele kompetente Leute, die damals eine Gruppe gegen das Regime bildeten. Ich ahnte irgendwie, daß es sich hier um einen Kreis handelte, der mir als Kind ver­schlossen blieb, obwohl - oder gerade - sie offen vor mir miteinander redeten. Ich begriff da noch nicht, was da los war. Die Mozart-Messe war ein großes Erlebnis und ich konnte von unten, da ich seitlich zum Altar meinen Platz hatte, die Sänger­knaben beobachten.

Später hat mich meine Mutter dann einmal bei den Sängerknaben "vorgeführt" in der Hoffnung, aus mir würde da noch etwas werden. Aber mein fürchterliches Gehör und die krächzende Stimme haben mich vor dieser Laufbahn bewahrt.

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Von unserem Fenster sahen wir im gegenüberliegenden Haus, in dem auch unsere Haus­ärztin, Frau Dr. Pischinger, wohnte und ordinierte, öfters die Kleriker der Pfarre und des Churhauses und manchmal sogar die Bischöfe Karten spielen. Dann rief mich mein Vater, wir steckten unsere Köpfe beim Vorhangspalt heraus und er nannte mir die Namen und Titel der Herren in der gemütlichen Runde. Ich habe dabei so sehr die Scheu vor den "Hochwürden" und "Exzellenzen" verloren, daß ich einmal bei einer Visite des Kardinals in St.Stephan statt dem vorgeschriebenen Handkuß auf den Bischofsring dem Kardinal herz­haft die Hand schüttelte und mit einem Grüß-Gott lautstark begrüßte. Die Seelsorger ver­sanken rund um mich beinahe in den Boden.

Viele Jahre später  gingen wir - meine beiden Töchter,  und ich - gerade über den Stephansplatz, als wir dem Kardinal König über den Weg liefen. Er kam gerade vom erzbi­schöflichen Palais und wollte beim Nordeingang in die Kirche. Er sah uns und hielt leutselig die Kinder auf, fragte sie wie es ihnen gehe und was sie machten. Als sie vor Ehrfurcht stumm blieben redete er mich an und erkundigte sich über uns. Wahrscheinlich hatte er uns öfters in der Kirche gesehen. Da war es an mir, vor Unsicherheit in den Boden zu versinken. Aber diese kurze Begegnung mit einem Menschen, dessen Weg ich öfters gekreuzt habe und den ich sehr bewun­dere, hat mir persönlich sehr viel gegeben.

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Ich war bei der Weihe des Koadjutors Jachym damals dessen Infularius (Infelträger) und habe die Reaktionen auf die Verweigerung der Bischofsweihe aus nächster Nähe sehen können. Die kurzen Worte Jachyms mit denen er sich für nicht würdig erklärte. Dann sein Abgang, wie eine Flucht, gerade neben mir wobei er mich zur Seite schob. Die hektische Beratung der Bischöfe und die kurze Ansprache danach. Das festliche Licht ging aus und die daraufhin eher stille und nicht mehr so feierliche Messe. Jener Chauffeur, der damals einge­weiht war und den Koadjutor Jachym wegge­bracht hat, hatte später am  Weg zum Begräbnis von Kardinal ???  in Jugo­slawien einen Unfall mit Kardinal König und ist dabei tödlich verunglückt. So habe ich ein Stück Kirchengeschichte hautnah miterlebt. 

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In den ersten Jahren in der Stadt ging es uns noch nicht gut. Die wirtschaft­lichen Schwierigkeiten be­wogen die Eltern, mich auf ein Ferienlager der Gemeinde Wien nach Lunz am See zu schicken. Es war na­türlich für eine bürgerliche Familie schwierig, bei der roten Gemeinde einen Platz für ein Kind zu be­kommen. Aber irgendwie ist es ihnen doch gelungen. Ich hatte furchtbar Heimweh weil ich im Kreise der Familie behütet aufgewachsen war und der Massenbetrieb für mich neu war und unerträglich schien. Mein Vater fuhr des­halb per Rad, vom Zug aus St.Pölten (!) kommend nach Lunz, um mich an einem Wochenende zu be­suchen. Die wirtschaftlichen Umstände scheinen damals für meine Eltern sehr schlimm gewesen zu sein, aber sie haben sich nie darüber ausgelassen. Sie dürften sich mit den großen Räumlichkeiten in der Schulerstraße übernommen haben.

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Es muß 1936 oder 37 gewesen sein, Peter konnte schon etwas selbststän­dig spre­chen, da waren wir auf einen Sommerurlaub in Döbriach am Mill­stätter See. Wir wohnten etwas abseits vom See und ich durfte mit Peter, weil wir die kleinsten Feriengäste waren, öfters mit dem  Auto eines deutschen Gastes - mit offenem Verdeck - mit an den See fahren, während die Eltern zu Fuß gingen.

Das Seebad war mit seinem flachen Ufer einfach herrlich für uns Kinder,  wenn es auch jede Menge Bremsen gab. Wir Kinder waren dauernd zer­bissen und aufge­kratzt.  Im Bad gab es große runde Bretter mit einem Loch in der Mitte, sie dienten dem Schwimmlehrer als Schwimmhilfe. Dort bekam Mama Unterricht. Immer wenn sie der Schwimmlehrer belobigte, daß es doch schon gut gehe und sie jetzt schon im Tiefen sei, tauchte sie vor Angst unter und er mußte sie retten. Peter, der dies sah sagte Stolz: Ich kann schon schwimmen wie ein Fisch, aber unter Wasser !  Im Bad war auch - abseits der Bootsvermietung - ein hölzernes Paddelboot zur freien Ver­wendung. Darum gab es viel Streit, denn jeder wollte damit fahren. Nach kurzer Zeit kam das Boot aber immer zurück. Der findige Bootsbesitzer hatte nämlich ein Loch hineingebohrt, so daß es nach 10-15 Minuten voll lief. So konnte keiner der Badegäste zu lange vom Ufer wegbleiben.

Ich ließ mich einmal von einem größeren Buben überreden, auf der Bühne des  Speise­saals während des Essens irgendeine Aufführung mitzuma­chen. Als Kleinster genierte ich mich aber dann so, daß ich mittendrin die Bühne verließ und die ganze schöne Vorstellung von zwei größeren Buben zu Ende improvisiert werden mußte.

Einmal durften wir mit dem Pferdewagen des Hauses mitfahren, Gäste von der Bahn abholen. Wir steigerten uns so in diese Fahrt hinein, daß wir eines Tages allein mit den Pferden wegfahren wollten und den Gast­hausbesitzer einen Tag lang damit nervten, daß wir alle paar Minuten in die Küche kamen um zu fragen, wann wir endlich Pferde bekämen.

Zur Ablenkung wurden wir dann mit dem Cabrio wieder an den See ge­führt. Es war sicherlich für alle Gäste eine Erleichterung, daß wir vom Haus weg waren.

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Die späteren Ferien verbrachten wir dann auf einem Bauernhof in Preßbaum. Dazu wurde ein Taxi gemietet. Es muß der Wagen einer vermögenden Kunde gewesen sein, denn der Chauf­feur kam mit hellgrauen Staubmantel und Staubkappe sowie Hand­schuhen an. Dann wurde an der Rückseite - Kofferraum gab es ja nicht - ein Gitter heruntergelassen, auf das mit verein­ten Kräften ein großer Korb mit allen Utensilien für einen mehrwöchigen Urlaub geladen wurde. Meine Großmutter befehligte das Ganze. Dann ging es bis etwas oberhalb der Sta­tion Tullner­bach-Preßbaum zum Anfang eines Karrenweges.

Dort stand schon der Bauer (Edelbacher) vom Schönleitenhof mit einem großen Leiterwagen, zweispännig mit Ochsen be­spannt, be­reit. Die Sachen wurden aufge­laden, wir mußten der Sicherheit wegen zu Fuß gehen. Durch einen geometrisch gesetzten eintönigen Nadelwald ging es im Hohlweg bergauf bis zum Bauernhaus. 

Wir Kinder kannten uns gut und ich interessierte mich nur mehr für Stall und Umge­bung. Es war ein "moderner" Bauer, denn er hatte sogar eine Dusche. Diese war allerdings ein Bret­terver­schlag  10 Meter vom Haus weg, oberhalb der Senkgrube. Dann mußte jemand im Haus hän­disch den Brun­nenschwengel betätigen und zugleich den Wasserfluß von der Lei­tung zu den Kühen im Stall durch umstellen eines Rohres auf die Brause umleiten. Eine etwas kalte Angelegenheit für uns und noch dazu die Schwierigkeit, anschließend naß und frierend wieder ins Haus zu kommen.

Wir wohnten im Dachgeschoß, eigentlich eine Auszüglerwohnung mit außenliegen­der Stiege, die für mich oben immer durch eine kleine Türe abgesperrt wurde, da­mit ich nicht hinunterfiel.

Die Küche hatte eine direkte Tür zum Stall, was die Verbundenheit der damaligen Bauern mit dem Vieh bezeugte, aber auch großen Schwärmen von  Fliegen Gele­genheit gab, beim Essen dabei zu sein.

Abends wurden dann die Mausefallen in denen die Tiere lebend gefangen wurden, aufge­stellt. Am Morgen fanden sich dann immer meh­rere Mäuse in den Käfigfallen, die wie ein Gugelhupf aussahen und oben ein sich veren­gendes Gitter­werk hatten. Die Mäuse mußten dann entweder den Katzen überlassen oder - mit großem Abscheu - von Großmutter hän­disch vom Leben zum Tod befördert werden.

Es gab jede Menge Schwammerln in der Nähe. Ein älteres Ehepaar das ebenfalls im Hause wohnte - er wurde respektvoll mit "Herr Präsident" angesprochen - sammelte den ganzen Tag über. Die ge­schnittenen Schwämme wurden dann am Fenster zum trocknen auf Fäden aufge­hängt oder auf Zei­tungspapier aufgelegt. Tagelange Landregen waren für uns Kinder natürlich fad, während die Erwachsenen mit dem Einkochen von Gemüse und Obst beschäftigt waren. Wenn wir im Stadel spielten, wurden wir immer genau auf Zündhöl­zer untersucht und entsprechend instruiert, daß das Feuer eine große Gefahr sei. Tatsäch­lich ist einige Jahre später der ganze Hof einmal abgebrannt.

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Mir ging die Sandkiste aus dem Volksgarten schwer ab und so fand unser Kinder­mädchen am Karriegel eine Stelle, wo der Karrenweg über reinen Sand führte. Ich bettelte immer wieder dorthin gehen zu können denn ich wollte unbedingt im Sand spielen. Da war mir der lange Weg dorthin nicht zu weit dafür. Ich erinnere mich nur an Spaziergänge mit dem Kindermädchen. Mutter dürfte Schwammerl suchen und mit der Aufarbeitung zum Trocknen beschäftigt gewesen sein, denn sie war bei unseren Ausflügen nie dabei.

Öfters gingen wir auch Heidelbeeren pflücken, damals noch mit so einem kleinen Handre­chen, einer Raffel, damit der Kübel schneller voll wurde. Wir konnten uns weitgehend aus dem Wald und mit den Milchprodukten des Bauers ernähren und so dürften außer den Fahrt- und Mietko­sten keine größeren Spesen für den Urlaub angefallen sein.

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Zur Erntezeit wurden wir Kinder eine schönen Tages zusammengerufen. Es ging zur Wei­zen­ernte auf ein etwas entlegenes Feld, so etwa 1 ½ Stunden weit. Ich tobte mit meinen 6 oder 7 Jahren natürlich herum und war dann rechtschaffen müde. Als die Ernte vorbei war - wir waren beim Aufladen des Leiterwagens oft mit oben und mußten erst, als der Binde­baum drübergelegt wurde, vom Wagen herunter - kam die große Enttäuschung. Zurück ging es zu Fuß! Ich verstand die Welt nicht mehr. Müde hatschte ich neben dem Wagen. Als es zu einer steilen Stelle kam, mußten die Großen alle mit Heugabeln den Wagen abstützen. Trotzdem fiel er aber um. So mußten wir Kinder mit einer Begleiterin zurück zum Hof ge­hen. Die Großen mußte kom­plett abladen, den Wagen aufrichten und neu und besser aufschichten. Spät abends kam dann der Wagen  mit dem Ochsengespann auf den Hof. Ich schlief bereits und wurde nur durch den Lärm der Heimkehrer kurz aufgeweckt.

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Vater kam am Wochenende zu uns - das Geschäft in der Stadt ging ja weiter - und machte mit mir immer Ausflüge. Ich kann mich erinnern, daß wir einmal Wasser suchen gingen. Das Bru­nnenwasser im Haus war nicht sehr gut, weil in Misthaufen­nähe, und hatte auch einen schlech­ten Geschmack. Das Wiener Wasser war sei­nerzeit berühmt (Der Werbespruch der Ankerbrotfabrik lautete damals: "Worauf freut sich der Wiener wenn er vom Urlaub kommt? Auf Hochquellwasser und Ankerbrot!") und so gingen wir weit weg eine Quelle suchen. Mit der obligaten Feld­flasche mit Filzüberzug wan­derten wir zu einem Graben, wo Wasser wie ein dünner Faden aus einer Quelle rann. Für mich eine Offenbarung. Ich hatte ja noch nie eine Quelle gesehen und mir natürlich keine Gedanken gemacht, woher das Wasser kam. Wir warte­ten bis die Flasche gefüllt war - in meinen Augen endlos! Mit dem so geernteten Wasser ging es wieder zurück. Daheim durfte jeder einen Schluck aus der Flasche machen.

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ENDE Teil 4

Fortsetzung Teil 5