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Erinnerungen Teil 3     Hier stimmt die Chronologie nicht ganz, weil meine schemenhaften Erinnerungen oft den Fingern auf der Tastatur vorauslaufen.

Wir zogen etwa 1934 in eine Stadtwohnung am Tiefen  Graben. Es war nur ein Übergang, denn kurz darauf waren wir schon in der riesigen Wohnung in der Schulerstraße mit über 220m², wo Wohnung und Werkstatt sowie der Probiersalon beisammen waren. Die Häuser am Tiefen Graben sind mir aus dieser Zeit noch als riesig in Erinnerung, weil sie alle mächtig hoch wa­ren. Vom Tiefen Graben weg an die 6-7 Stockwerke, wobei man im 3. Stock plötzlich ebenerdig in die Wipplingerstraße hinaus konnte. Es waren bevorzugte Geheimwege unserer Jugend, in den Durchhäusern der Innen­stadt kannten wir uns aus, was uns auch half, bei den Laufrunden im Zuge der Hitler­jugend-Ausbildung manche Runde per Durch­haus abzu­kürzen. Doch davon später.

Vater geht mit mir zu Karli Schäfer in Hernals, erklärt mir die Eislaufvorführungen und was ich da zu sehen bekomme, zeigt mir Harald Kreutzberg, d e n modernen Tänzer der damaligen Zeit. 

Von dieser Wohnung am Tiefen Graben - sie lag von der "Hohen Brücke" aus zum Heidenschuß gese­hen etwa am hal­ben Weg rechts und etwas höher als die Brücke - konnten wir in die Räume der "Am Hof" befindli­chen Zentralfeuerwache hineinsehen. Bei Alarm rutschten dann die Feuerwehr­männer von ihren Auf­enthaltsraum aus über Stangen zur Garage, um schneller bei ihren Fahr­zeugen zu sein. Mein Vater hat mich oft beim Alarmläuten ans Fenster geholt, wo wir dann das Schauspiel beobach­ten konnten.

In dieser Wohnung habe ich dann auch das erste Mal Radio gehört. Es war ein Familien­fest, wo auch die Großmutter mütterlicherseits anwesend war. Wahrschein­lich war irgend­eine besondere Konzert-Sendung, zu der sich alle einfanden. Die Erwachsenen saßen rund um einen Tisch, in der Mitte ein Detekto­rempfänger mit drei Kopfhörern, wobei jeder nur eine Hörmuschel ans Ohr drückte, weil sich mehr Leute als Hörer hier befanden. So konnte auch ich einmal kurz in die geheimnisvolle Muschel hinein hören, aus der einfach so aus der Luft Musik kam.

Mir wurde bald die Zeit zu lange, denn die Musik war mir zu anstrengend, schließlich war ich erst etwa 5 Jahre. So zeigte ich bei der Verabschiedung der Gäste, unter dem Tisch sitzend, allen die lange Zunge. Dabei rutschte ich von der Fußleiste des Tisches und biß mir die Zunge fast ab. Ich erin­nere mich noch an eine Fahrt per Taxi in ein Spital. Nach dem Auf­wachen aus der Narkose wollte der Arzt mein Mundwerk überprüfen und fragte mich, in welcher Begleitung ich hier wäre. Dabei sagte ich: "Mit meinem VATER!" - Bisher hatte ich immer PAPA gesagt, aber ich wollte damit erwachsen scheinen.

Später habe noch mit diesem Radiohörer und dem Wissen um die Funktion des Kristalls am Detek­tor im Jahre 1945 im Keller unseres Hauses am Stephansplatz nur mit Hilfe eines bis ober die Erde ver­legten Drahtes ohne jeden Strom Radio gehört.

Vom Tiefen Graben aus leicht erreichbar war der Park am Rudolfsplatz - wo ich später im Montes­sori-Kindergarten war - und der Burg­garten mit dem Theseus-Tempel meine bevorzugten Spielplätze, zu denen mich meine Großmutter führte, weil die Eltern durch das Geschäft und die Übersiedlung in die Schulerstraße, Ecke Stephansplatz, keine Zeit für mich fanden. Ich kam in diesen Monterssori-Kindergarten, der auch heute noch besteht.  Die ersten Tage waren für mich als „behütetes Kind“ sehr schwer. Ich weinte kräftig und wollte nicht bleiben,  bis sich dann eine Tante speziell um mich kümmerte. Dann ging ich sogar dort in den Hort, weil nach der Schule niemand Zeit für mich hatte. Ich machte dort die Aufgaben und blieb bis spät Nachmittag. Im Jahre 1938 war meine Lieblingstante plötzlich weg. Später erfuhr ich daß sie Jüdin war und deshalb die Stelle verlor.

Vater hat mich im Jahre 1938 an das Radio geholt um mir die Schuschnigg-Rede anhören zu lassen. Er zeigt mir beim Sturm auf das Erzbischöfli­che Palais von unsrem Balkon aus die tobenden Leute  und ruft die Polizei telefonisch um Hilfe. Übrigens vergeblich. Die Auskunft der Polizei war: "Wir sind unterwegs".

Ich war dann der älteste Hortbesucher. Soweit ich mich erinnern kann war da der „Langemark-Tag“, ein Gedenktag für die bei Langemark  Gefallenen. Da mußte ich die Namen vorlesen was ich mit viel stottern auch schaffte. Dann bekam ich eine neue Tante, eine Berlinerin die auch Klavierunterricht gab.  Sie wohnte am Wolfersberg in Hütteldorf. Dorthin fuhr ich mit dem Rad zu den Klavierstunden. Ein langer Weg, aber von mir gerne gefahren. Daher mein Training am Rad, mit dem ich jeden Meter fuhr, so daß die Leute schon sagten daß ich sogar mit dem Rad auf´s  Klo fahre.      

Das war die Basis meiner Verwendung bei der Hitlerjugend als Melder und dem  Volkssturm als Meldefahrer in Wien. Diese Tante Erika übersiedelte dann nach Berlin. Als wir meinem Vater in seinem Einsatzort beim Militär als Marinekraftfahrer in Pillau bei Königsberg besuchten, machten wir 1943 Station bei ihr in Berlin. Dort erlebte ich meinen 1. Luftangriff. Wien war damals noch ruhiges Gebiet.

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Der Besuch bei meinem Vater, der damals als Kraftfahrer die  Stellungen auf der Frischen Nehrung versorgte, war prägend für mich. Noch heute schaue ich Berichte aus dieser Gegend gerne an, denn die Landschaft faszinierte mich. Vaters Erfahrungen dort sind bei dem Bericht über seinen Militäreinsatz festgehalten.

Ich ging dann in die Textilschule für Kleidermacher im 9.Bezirk in der Michelbeuerngasse, wohin ich auch immer mit dem Rad fuhr. Ich mußte HERRENkleidermacher erlernen, obwohl mir aus Nachfolgergründen und Familientradition die DAMENkleidermacherei als Ziel vorschwebte. Aber die war eines "deutschen Jungen" nicht würdig. Trotzdem habe ich ab der Herren-Gesellenprüfung immer Damenkleidermacherei betrieben und die Meisterprüfung erst als ich schon Fachlehrer dafür - in eben dieser Schule - war, nachgeholt. Als ich als Herrenkleidermachermeister fertig war begann ich gleich nach den Sommerferien als Fachlehrer für Englische Damenschneiderei. Für heutige Menschen erkärt: Das waren Mäntel und Kostüme, während die Französische Damanschneiderei Kleider und Blusen waren und von einer anderen Lehrkraft unterrichtet wurden.

Das Schuljahr 44/45 war praktisch nicht vorhanden. Ich wurde da öfter als Melder eingesetzt, wobei ich die Wege unter dem 1. Bezirk durch alle Luftschutzkeller, die damals durch Fluchttunnel verbunden waren recht gut kannte. Meine Ortskenntnisse wurden sehr geschätzt. Zugleich organisierte sich in unserem Haus der Widerstand und etliche U-Boote tauchten bei uns auf und wurden durch die Gemeinschaft gedeckt. Übrigens war Otto Schenk auch in den Runden der Stephaner Pfarrjugend, wo er uns zum Ende jeder Heimstunde ¼ Stunde aus einem Buch vorlesen durfte und wir alle schon deswegen in die Heimstunden kamen, weil er das damals schon meisterlich vortrug,  so daß es jedes Mal ein Erlebnis wie eine kleine Theatervorstellung war.

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Wir Schüler trugen Brennmaterial aus dem benachbarten Keller des TGM in der Währingerstraße zu uns in die Schule. Der Unterricht war Nebensache. Dieses Schuljahr wurde auch nicht anerkannt und mußte 45/46 wiederholt werden, damit ich zu einer Gesellenprüfung kam. Noch Anfang 45 wurde ich zum Schanzen für den Ostwall am Neusiedlersee nach Gols eingezogen. Vom Schanzeinsatz für den Ostwall wurde ich abgezogen und in ein Ausbildungslager oberhalb von Moosbierbaum im Tullnerfeld gesteckt. Bis dann der große Luftangriff auf die Raffinerie Moosbierbaum  eine Aufgabe des Lagers erzwang. Wir wurden dann „an die Front nach Wien“ geschickt. Da mußten wir uns selber durchschlagen, da schon das Chaos herrschte. Aber mit dem Marschbefehl „an die Front“ konnten uns auch die „Kettenhunde“, die Militärstreifen des Heeres nichts anhaben. Auf der Hohen Warte sammelten wir uns dann. Ein verständnisvoller Vorgesetzter, der uns halbe Kinder gut kannte und wußte daß wir fast alle in der Innenstadt wohnten, schickte uns dann wieder mit dem gleichen Marschbefahl weiter. Da griff bereits der Flakturm im Arenbergpark in die Kämpfe ein, weil die Russen schon in Simmering waren. Ich hatte nur ein Gewehr ohne verstellbare Zielvorrichtung aus rohem Holz und 6 Schuß Munition. Am Graben wurde ich noch von einer Militärstreife kontrolliert. Natürlich kam ich in unser Haus in der Schulerstraße und wurde von den Hausbewohnern gleich „entwaffnet“, die Armbinde (Uniform hatten wir sowieso nicht) abgenommen und in einem Keller versteckt.

Da war dann der Bombenangriff von russischen Flugzeugen, wobei die Bomben direkt vor dem erzbischöflichen Palais fielen und vor mir einen Mann aus unserem Haus schwer  verletzten. Die Toten wurden im Kircheneingang unter dem Adlerturm abgelegt. Die Großmutter vom Otto Schenk die gerade in diesen Tagen starb, wurde im Stadtpark mit einem Handwagerl hinunter geführt und dort begraben.  Die Russen waren gleich im Haus und brachen alle Türen auf. Wir hatten eine „einbruchsichere“ Eingangstüre. Die war mit einem Stiefeltritt offen. Dann waren die Fahrräder weg, die Koffer aufgeschnitten. Ich hatte eine Retina-Kamera mit einem Farbfilm und fotografierte die brennende Stephanskirche, als ein Russe in die Wohnung kam. Ich versteckte die Kamera in einem bereits durchwühlten Koffer, doch sie war nach dem „Besuch“ dann weg. Es wäre die einzige Farbaufnahme vom brennenden Dom gewesen. Da ich eine solche Aufnahme nie gesehen habe dürfte er den Film aus der Kamera gerissen haben ohne zu wissen wie wertvoll die Aufnahmen drauf waren.  Unsere „U-Boote“ halfen wo sie konnten.  Sie hatten alle überlebt. Der Herr Meier war plötzlich der Herr Miller,  Religion mosaisch – da hörte ich das erste Mal diese Bezeichnung. Und unser Hausverwalter war wieder der Herr Simon usw.…..  Bloß die Vergewaltigung unserer Geschäftsfrau in den Betten meiner Eltern konnte ich nicht verhindern. Der russische Kommandant den ich holen wollte gab mir einen Laib Brot und meinte, ich sollte „Mutter“ damit trösten. Da der Soldat eine Pistole in der Hand hatte war der Einsatz nicht ganz unproblematisch.

Wir lebten dann noch einige Wochen im Keller bevor wir uns bei Tag langsam wieder in die Wohnungen trauten. Ein russischer Kommissar  versammelte dann ein paar Hausbewohner bei einem Gespräch im Hof unseres Hauses um sich und erkundigte sich in gutem Deutsch leutselig über unsere Einstellung zu Hitler. Plötzlich hob er die Hand zum Hitlergruß und rief „Heil Hitler“. Tatsächlich juckte es einen mir unbekannten Umstehenden, der instinktiv die Hand zum Gruß hob. Da sagte er: „Du bist ein Nazi“, schnappte ihn und nahm ihn mit. Ich habe den Mann nie wieder gesehen.

Im ersten Bezirk waren wir monatlich wechselweise einer anderen Besatzungsmacht unterstellt. Diese sorgte dann per Lebensmittelmarken für die Versorgung. Die Russen lieferten uns „Käfer-Erbsen“. Also Erbsen die einen Käferbefall hatten und wo ich anfänglich die schwarzen Punkte aus der Suppe fischte. Irgendwann überfiel mich dann ein Hungergefühl, ich machte die Augen zu und fraß buchstäblich Erbsen samt Käfer ohne Probleme. Der Hunger war stärker. Die Amerikaner fütterten uns immer mit Weißbrot und Keks. Die Schule im 9. Bezirk gab mir Gelegenheit die Lebensmittelmarken in amerikanische zu tauschen, weil es Leute gab die endlich einmal ein Schwarzbrot haben wollten und dafür in die russische Zone einkaufen gingen. Am Naschmarkt entwickelte sich eine Tauschbörse, ein Schwarzmarkt, wo ich manchmal ein paar meiner Semmelmarken gegen Geld verkaufte, um mit diesem Geld dann die restlichen Semmeln für mich einzukaufen. Einmal gab mir Mutter eine silberne Taschenuhr, für die ich ein Kilo Mehl bekam. Die weitere Zeit nach dem Krieg beschreibe ich dann in den folgenden Teilen. Jetzt bin ich zeitlich schon weit voraus, weil die Erinnerungen einfach zusammengehören.   

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In meiner ersten Volksschulzeit gab es immer wieder große Kinderfeste, einmal bei uns in der Werkstätte und im "Salon". Aus dieser Zeit gibt es leider keine Bilder. Die Besuche meines Vaters zum Wochenende in der "Sommerfrische" Preßbaum in meinem Ferienlager in Lunz/See mit dem Fahrrad dürften auch eher der schmalen Geldbörse als dem sportlichen Ehrgeiz zuzuschreiben gewesen sein.

Einen Urlaub so um 1933-34 verbrachten wir in Kulm in der Buckligen Welt. Es war ein Bauernhof mit Kühen, Pferden und einer weitläufigen Weide. Eine große Glas­veranda war ein herrlicher Aufenthaltsplatz auch bei Regen.

Die Großmutter des Hauses hatte fast keine Zähne mehr und pflegte ihre Kipferln in ihr großes Häferl mit Kaffe einzutauchen.  Meine Eltern gingen oft wandern und ich durfte in der Obhut des Kindermädchens allein im Hause herumstreifen. Manchmal behütete mich auch diese Oma und gab mir zu essen. Fürsorglich kostete sie die Suppe vor, damit das Essen für mich nicht zu heiß war. Das geschah auf die Weise, daß sie die Suppe selbst in den Mund nahm, damit eine Mundspülung machte und wenn sie die Temperatur in Ordnung befand, spuckte sie den ganzen Mund voll wieder auf meinen Löffel.

Eines Tages kamen meine Eltern etwas früher nach Hause und beobachteten bereits aus der Ferne diesen Vorgang. Sie entrissen mich der fürsorglichen Oma und fortan mußte das Kindermädchen mich immer im Auge behalten.

Trotzdem scheint ihr das nicht immer ganz gelungen zu sein, denn einmal fand sie mich - auf dem Topferl sitzend und mit einer großen Schere bewaffnet, die ich im Nähzeug gefun­den hatte - meine kurze Hose vom Bund bis nach unten aufge­schnitten.

Ein anderes Mal, ich hatte so eine blaue Arbeitsschürze um - wie die Bauern das "Fürta" - entriß sie mich im letzen Augenblick einem Kalb, das die kleine Schürze schon ganz in sich hinein geschleckt hatte und mit dem Maul bereits vor meinem Bauch stand!

Dafür mußte ich einmal drei Tage lang meine Langeweile und Frust mit dem Kleben von Buntpapierketten  vertreiben. Die Eltern waren auf den Schneeberg gegangen und zwei Nächte außer Haus geblieben. Das Kindermädchen fand schon kein Buntpapier mehr im ganzen Haus und ich wollte immer noch Ring in Ring kleben. Die Ketten waren so lang, daß bei der Rückkehr der Eltern die ganze Veranda voll mit Ketten hing, fast wie ein Faschingsschmuck!

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Eines Abends kam ein Städter mit seinem sichtlich neuen Steyr-Baby, damals das neuste Automodell und in dieser Gegend sowieso Aufsehen erregend, mit dem Auto zum Hof und erkundigte sich um die Weiterfahrt. Der Bauer sagte ihm, daß der Waldweg schlecht und nur für Pferde benützbar sei! Aber er war so überzeugt daß er es mit dem Auto schaffen würde, daß er trotzdem losfuhr. Inzwischen wurde es finster. Da kam der Autofahrer ganz bescheiden plötzlich zu Fuß zum Hof zurück und gestand, daß er im Wald stecken geblieben sei.

Eine Rettungsaktion mit Pferd begann. Ich durfte nur bis zum Waldrand mitgehen und wartete. Da kam dann zuerst das Pferd und dann im Retourgang das Auto, weil in dem engen Weg nicht einmal Platz zum Umdrehen gewesen war. Die Stoßstange war durch die Abschleppung ganz schön verbogen und weil es schon spät war, konnte der gute Mann auch nur mehr bei uns im Heu übernachten. Die Technikgläubigkeit aller Beteiligten litt ziemlichen Schaden und es wurde die eine Pferdekraft gegen die vielen Pferdestärken des Autos aufgerechnet und nicht mit Kommentaren gespart.

Vaters Begeisterung für Autos tat das aber keinen Abbruch. So besuchte ich dann kurz vor dem Krieg mit ihm  ein Autorennen auf der Höhenstraße, wo wir knapp un­ter dem Kahlenberg bei der Fußgänger-Brücke das Rennen beobachteten. Er selbst hat sich dann beim Militär zu einer Kraftfahrausbildung gemeldet. Zugleich hat er eine Volkswa­gen-Sparkarte erworben, mit der für einen Volkswagen angespart wurde. Nach dem Krieg haben wir dafür ca. 400.- Schilling Abschlagszahlung bekommen.

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Mein Bruder Peter ist 1934 in der Frauenklinik Gersthof in der Wielemansgasse geboren. Also iknapp bevor wir in die Wohnung in der Schulerstraße einzo­gen. Peter ist mir in dieser Zeit nicht sehr gegenwärtig. Ver­mutlich hat er die meiste Zeit mit Mutter verbracht während ich viel Zeit bei der Großmutter war. Peter und ich  hatten ein gemeinsames Kinderzimmer mit Blick auf den Stephansdom. Vor dem Fenster mit dem breiten Sims hatten wir ein Blumen­kistl und davon an die Oberkante des Fensters Spagat gespannt daran rankten sich Bohnen empor, die wir bei Bedarf ernteten.  Auch am Bal­kon gab es immer ein Stöckel Schnittlauch und Petersil und irgendwel­che Sachen, die mir Buben damals egal waren, von Mut­ter aber sorgfäl­tig gehütet wurden. Jeder hatte sein eigenes Bett, Peter noch lange ein Gitterbett unter dem wir geschützt wie in einer Höhle unseren Spielplatz einrich­teten. Hin und wieder hat es auch Mei­nungsverschiedenheiten zwischen uns gege­ben, dabei habe ich ihm einmal einen Federhalter wie einen Pfeil ins Gesicht ge­worfen und ihn knapp neben dem Auge verletzt. Da habe ich dann doch Gewis­sensbisse bekommen und wurde für eine Zeit friedli­cher.

Ich besuchte 1938 die Volksschule Börsegasse. Die Schule ist ein Eckhaus Bör­segasse/Renngasse. Im Jahre 1938 hat der Schulwart eines Tages mit Mobiliar die Gänge abgesperrt, wir durften plötzlich unsere bisherigen jüdischen Klassenkame­raden nicht mehr sehen und wurden von dieser Barriere zurückgescheucht wenn wir versuchten trotzdem mit ihnen zu reden. Wir mußten den Eingang Renngasse benützen, während die vielen Juden­kinder (es war ja unmittelbar neben dem Tex­tilviertel) den Börsegassen-Eingang benützten..

Offenbar waren aber nur wenige Nicht-jüdische Schüler vorhanden, denn wir wur­den mit Beginn des Schuljahres 38/39 in das Schottengymnasium übersiedelt. weil die Börsegasse Judenschule wurde. Im Schotten­gymnasium war im Durchgang zur Helferstorferstraße unsere Volksschul-Ausweichklasse.

Unser Lehrer, den ich sehr geliebt habe und der auch viel privat mit uns gelernt hat, mußte zum Polenfeldzug einrücken und ist dort in den ersten Kriegstagen gefallen. Er hat unseren Gesang oft mit der Geige begleitet und uns in  seine Wohnung in der Ballgasse, in einem dieser heute noch beste­henden Pawlatschenhäuser, zu Gesangstunden eingeladen, Sein Tod war für mich so ein  ein­schneidendes Er­lebnis, daß ich mit den folgenden Leh­rern nicht zurecht kam und Lern­schwie­rigkeiten hatte.

In meiner ersten Volksschulzeit gab es immer wieder große Kinderfeste, einmal bei uns in der Werkstätte und im "Salon".

Aus dieser Zeit gibt es leider keine Bilder. Die Besuche meines Vaters zum Wochenende in der "Sommerfrische" Preßbaum in meinem Ferienlager in Lunz/See mit dem Fahrrad dürften auch eher der schmalen Geldbörse als dem sportlichen Ehrgeiz zuzuschreiben sein.

Der Ausblick von unserem Kinderzimmerfenster im März 1946. Das Dach fehlt nach dem Brand.

                                   

                                                                                                                                                                                   Nach unten (ca 194647) zum Schuttberg am Stephansplatz

         

                     Nach oben zum Turm mit der provisorischen Haube.                .

                für die Pummerinca. 1953.

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Beim Durchsehen meines Schulhefte aus dieser Zeit ist der Einschnitt des März 38 deutlich zu sehen. Gerade noch friedliche und unverfängliche Themen, dann plötz­lich ein Bild des Führers, die Sprüche "Ein Volk, ein Reich...." und als Zeichnungen Hakenkreuze etc.

Heute bin ich überzeugt, daß die Änderung schon von langer Hand vorbereitet gewesen sein muß, sonst wäre der Wandel nicht so rasch und übergangslos mög­lich gewesen. 

In dieser Zeit wechselte ich noch einmal das Schulhaus. Wir wurden in die Johannesgasse verlegt (dem heutigen Konservatorium, auch die RAVAG war dort). Jedenfalls ging ich von der Schulerstraße selbstständig in die Schule. Jeden Morgen holte ich mir beim Greißler Brandstetter am Stephansplatz – später war dort dort das Küchengerätegeschäft Reckzügel - in einem umgehängten Jausenkörberl eine oder zwei Wurstsemmeln, die im Abonnement von den Eltern bezahlt wurden. Dabei kam ich an der Lottokollektur vorbei - heute ein Papiergeschäft neben der Trafik in der Ecke beim Deutschen Haus - wo immer die Zahlen vom kleinen Lotto angeschrieben waren. Einmal hatte ich plötzlich die Idee, meinen Eltern zu sagen, sie sollten einige von mir  bestimmte Zahlen spielen. Die waren so ungewöhnlich, daß sie wegen der Reihenfolge hintereinander doch etwas änderten und mich dann mit ein paar Groschen Einsatz spielen ließen. Tatsächlich kamen dann meine Zahlen und nicht die geänderten. Wer weiß, was damals geworden wäre, hätten die Erwachsenen nicht doch meinen Kinderdick­schädel überstimmt....

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In diese Schule in der Johannesgasse ging auch Franz, der Sohn meines späteren Firmpatens. Er ging ebenso wie ich allein nach Hause, in die Wollzeile. Einmal wurde er von einem der damals eher selten verkehrenden Autos angefahren und kam mit einer Gehirnerschütterung noch glimpflich davon.  Aber - eine Kunde von uns erzählte meinem Vater bei der Anprobe, daß sie eben einen Unfall mit einem Kind gehabt hätte. In diesem Augenblick rief Vater von Franz  bei uns an, ob Franz nicht bei uns sei. Vater kombinierte richtig, daß bei dem Unfall und unsere Kundschaft ein Zusammenhang bestünde. Das war der Beginn einer langjährigen Freundschaft unserer Familien, die dann in der Patenübernahme bei meiner Firmung mündete.

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Von der ins Schottengymnasium ausgelagerten Volksschule wollte ich einmal ganz groß mit dem Taxi in den Hort am Rudolfsplatz, meinen ehemaligen Kindergarten, fahren.

Es waren diese eckigen schwarzen Steyr-Taxi mit der Glasscheibe zwischen Fahrer und Fahrgastraum. Der Fahrgastraum war nur mit einem Klappverdeck geschlossen und bei schönem Wetter immer geöffnet, so daß alle Leute sehen konnten, wer sich da ein Taxi leistete. Der Standplatz war direkt vor der Schule in der Helferstorfer­straße. Dies hatte mich auf die Idee mit der Fahrt gebracht.

Ich fragte also einen Lenker was das kosten würde, weil ich damals nur 50 Pfennige Taschengeld gespart hatte. Als er merkte worum es mir ging lud er mich zur Fahrt ein. Ich fuhr also von der Schulklasse in der Helferstorferstraße über den Börseplatz bis zum Hort am Rudolfsplatz. Er blieb aber nicht vor dem Tor stehen und fuhr weiter. Ich hatte Angst daß es mit dem Geld nicht reichen würde und wollte doch, daß meine Freunde sehen sollten, wie ich mit dem Taxi ankäme. Aber er fuhr nur eine Runde mit Gehupe um den Platz, damit nur ja alle auf mich aufmerksam wurden! Dann ließ er mich vor dem Tor aussteigen und kassierte die 50 Pfenninge.

Erst da merkte ich, daß ich in der Aufregung meine Schultasche vergessen hatte! So mußte ich still und leise zu meiner Schande zu Fuß zurück zur Schule wo meine Ta­sche unberührt vor dem Tor stand und dann - mit schwerer Tasche zu Fuß - zurück zum Hort, wo ich natür­lich zu spät ankam und dafür noch Schelte bekam. Als sich dann herausstellte, was der Grund für meine Verspätung war, lachten alle und ich wurde noch während meiner ganzen Hortzeit damit gehänselt.

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Meine Großmutter mütterlicherseits betreute mich oft in diesen Jahren der Kindheit. Für mich blieb sie trotzdem immer Respektsperson und distanziert. Sie hat mich in den Park geführt, sich dann mit einer standesgemäßen Handarbeit an die Seite gesetzt und Distanz zu den Kindermädchen und anderen Leuten gehalten. Neben den Ausflü­gen zum Burggarten oder zum Volksgarten mußte ich manchmal bei ihr in Währing schlafen, wenn meine Eltern ins Theater gingen, was auf Grund der Burg- und Opernabos recht oft der Fall war. So kannte ich ihre Wohnung recht gut.

Und dann die schwarze Truhe, in der es Geheimnisse gab. Leider konnte ich damals noch nicht lesen. Denn in späteren Jahren erfuhr ich daß es sich um Tagebuchauf­zeichnungen der Großmutter handelte, über die meine Mutter mit ihrer Schwester ihr Leben lang uneinig waren weil so viel über die jeweiligen Kinder Vergleichendes drinnen stand. Die Russen haben dann diese Truhe bei uns in der Schulerstraße, wohin sie aus Platzgründen nach dem Tod der Großmutter hingekommen war, aufgebrochen und das Geheimnis für mich gelüftet.

In der Wohnung der Großmutter wohnte auch ein "Zimmerherr", der dazu beitrug ihre spär­liche Rente aufzubessern. Er hatte das Kabinett gegenüber vom Eingang, wo man durch die Küche hin gelangte. Wenn er gut aufgelegt war oder seinen Beitrag zur Miete nicht zahlen konnte, vertrieb er mir mein Heimweh und zauberte mir Münzen aus der Nase oder trieb ähnlichen Unfug mit mir. Die Groschen für die Zauberei hatte er immer noch, auch wenn er sonst pleite war.

Von der Wohnung der Großmutter gingen wir auch manchmal in den Hartäcker­park. Am Döblinger Friedhof ist das Grab ihres Bruders und so gingen wir nach dem Friedhofsbesuch in den Park, wo sich ein Kinderfreibad befindet das ich gerne be­sucht habe. Leider viel zu selten, weil es doch von der Währingerstraße einen Marsch durch den ganzen Türkenschanzpark bedeutete, der für mich aber voller Neuigkeiten war. Die vielen Eichkatzerln, der Aussichtsturm wo man bis in die Alpen sehen konnte wenn das Wetter halbwegs klar war und die Wasserfälle und Brücken drum herum.

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Mein Vater arbeitete vor dem Jahr 1934 im Salon Pollak  in der Spiegelgasse als Zuschnei­der für Damenbekleidung. Später machte er sich selbstständig und wir bezogen eine Rie­senwohnung mit ca. 220m², in der Schulerstraße 1-3 /1.Stiege, im ersten Stock, mit Balkon und Aussicht direkt auf den Stephansplatz. Hier waren auch die neue Werkstätte und der Kun­densalon untergebracht. Bis zum Jahre 1939 ging es nach anfänglichen Schwierigkeiten recht gut und wir waren der Familientreff­punkt.

Das Haus war recht gediegen, aus dem vorigen Jahrhundert, mit Mezzanin und Zwi­schengeschoß. Lauter Herrschaftswohnungen. In den ersten Stock gab es bereits 53 Stufen! Im Halbstock war ein Klingeltablett für alle Parteien, mit Gegen­sprechan­lage!  Einen Aufzug gab es auch, aber der fuhr ohne Halt nur in den 2. Stock, weil er nur für unseren körperbehinderten Hausherrn bestimmt war.

Die gewundene Stiege hatte eine Gaslichtfackel eingebaut, die bei unserem Ein­zug sogar noch funktionierte. Die großen Hoffenster im 1. Stock gingen auf ein Glasdach mit begehbarem Sims entlang der Hausmauer. Die Fenster der Wohnun­gen dorthin waren natürlich vergittert. Des Öfteren habe ich aber meine Eltern ge­rettet, wenn die Tür zufiel oder der Schlüssel vergessen wurde. Dann stieg ich hinaus auf den Sims, zwängte mich mit meiner damals noch überschlanken Figur zwischen den Gitterstäben durch und öffnete das vor­sorglich nur angelehnte Fenster nach innen. So konnte ich dann von innen die Türe öffnen. Für mich immer ein Spaß. Die Wohnung war rund um einen kleinen Lichthof angeordnet, in den das Vorzimmer, ein Gang, das Badezimmer, das Dienstbotenzimmer und die WC-Fen­ster gingen. Übrigens war eines der WC bereits ein Wasserklosett, während das Personal-WC nur ein Plumpsklo war. Da hat mein Vater dann noch viel umbauen müssen!

Die Räume waren übergroß und die Heizung mit Einzel-Kachelöfen mühsam. Erst später haben wir dann in der Werkstätte einen Ölofen bekommen, für den die Trä­ger 10-literweise in Kanistern das Öl in den 200-Liter-Tank in einem Kammerl beim Vorzimmer heraufbrachten. Da stank es dann tagelang nach Öl. Ansonsten gab es Kohle. Mein Vater war immer als erstes am Morgen auf, rüttelte die Dauerbrenner durch und schüttete Kohle nach. Die Lehrmädchen mußten dann die Asche aus­räumen und in den Hof bringen.

Am Sonntag wenn kein Betrieb war, blieben wir länger im Bett. Erst das laute rütteln an der Aschenlade erweckte das Haus langsam zu einem gemütlichen Morgenfrüh­stück. Da wurde auch nur im Wohnzimmer geheizt. Das gab weniger Arbeit.

In der Küche gab es anfangs noch einen gemauerten Herd, der später  einem Gas­herd weichen mußte. Daneben viel Platz für einen großen Tisch, an dem nicht nur wir son­dern auch das Personal mit uns zu Mittag aß. Der Steigschacht für die Was­serrohre war ein stetes Ärgernis, denn die Ratten aus dem 2 Stock tiefen Keller ka­men dort immer wieder in die oberen Stockwerke herauf.

Die Wohnung war überall mit dunklen Tapeten mit Blumenmustern tapeziert, nur in der Küche, im Bad und Klosett war ein Ölanstrich. Als ich einmal im Stift Vorau die dunklen Fresken sah wurde ich unwillkürlich an diese Tapeten erinnert. Es gab da unter den Tapeten immer wieder Wanzen und Flöhe. Fall­weise kam der Kam­merjäger und wir mußten dann einen Raum nach dem anderen verlassen und auf Stunden umziehen. Einmal im Jahr kam ein Mann, der die Tapeten abradierte. Dazu benutzte er einen Brotwecken den er wie Plastilin knetete und mit irgendeinem Mittel mischte.  Erst als wir alles neu tapezieren ließen war Ruhe mit den unerwünschten Untermietern.

Der Zugang zur Personal-Garderobe war eine richtige Tapetentüre, ebenso die Tü­ren zu Bad und Dienstbotenzimmer, während die Zimmer große doppelflügelige Holztüren mit schweren Messingschnallen hatten. Es war meine Arbeit diese immer zu putzen. Dort hat mir Vater sogar Schaukelringe montiert, so daß ich später immer eine Schaukel oder ein Reck zur Verfügung hatte.

Erst als ich in den Jahren 1938/39 den Einkommensteuerbescheid in die Schule brachte, um eine Schulgelder­mäßigung zu erreichen, dämmerte mir daß es doch nicht so gut um uns stand, wie es schien. Das war aber dann das ganze Leben lang so.

Zu Weihnachten wurde immer ein großes Familien­fest abgehalten, bei dem 15-20 Ver­wandte anwe­send waren und außer dem Kindermädchen Mimi - ich sagte zu­erst immer IMI, später aus Justament ATA zu ihr - eine Frau Helmer, eine seelensgute ältere Person vom Gang gegen­über, die das Kochen und Geschirrabwaschen be­sorg­te. Im Krieg hatten wir dann auch ein Pflichtjahrmäd­chen. Außerdem war noch fallweise eine Hilfe an Waschtagen oder bei ähnlichen Groß­ereignissen im Haus.

Im Wohnzimmer gab es einen großen Tisch, quadratisch und mit Ausziehplatte. Er war rundherum geschnitzt und hatte gedrechselte Füße und eine umlaufende Ni­sche für die Ausziehvorrichtung zum Vergrößern der Tischplatte, was regelmäßig einmal im Jahr bei den Familienfesten nötig war. Ich spielte gerne unter dem Tisch und erkundete die Geheimnisse der Scharniere und Nischen darin. 

Ich aß sehr ungern Fleisch. Und gerade wenn es einen feierlichen Anlaß zum Essen im großen Zimmer gab, war auch Fleisch am Tisch. Ich kaute so lange dran herum, bis das Fleisch ein trockener Brocken war. Und wenn dann niemand hersah, legte ich diese Fleisch­reste unter den Tisch ab. Leider wurde dann einmal der Geruch im Zimmer recht unleidlich. Niemand wußte woher der Gestank kam. Ich hatte auf die Fleischreste auch schon verges­sen.  Da wurde dann ein Großreinemachen veran­stalten und bei dieser Gelegenheit der Tisch an die Seite gekippt. Was da auf den Boden fiel war für alle des Rätsels Lösung. Ich erhielt eine Standpauke, wurde aber in Zukunft mit Fleisch nur ganz zurückhaltend versorgt. Meine Oma fütterte mich zwar immer noch nach dem Motto: Ein Löffel für Papa, ein Löffel für Mama, ein Löffel für Oma usw.....

Aber dann ohne Fleisch!

Die Schulerstraße 1 grenzte an den Stephansplatz. Trotz der zentralen Lage in der Innenstadt war das Leben damals sehr ruhig und idyllisch. So kam öfters ein Mann mit Handwagerl vorbei und rief:  "Hasenhäutln, Baner, Fetzen, Lumpen". Er hatte immer zu tun, denn einerseits hielten viele Hausbesorger noch Hasen in den Hinter­höfen, andererseits bekam er von den Gasthäusern Abfälle.

Auch die Bauern kamen mit Pferdegespann und Blechtonnen vorbei und holten sich den Sautrank von den Wirten. Wir hatten gegenüber Ecke Domgasse ein Gast­haus und im Mozarthaus befand sich die Weinstube Schuster. Aus dem Gasthaus holte ich fallweise Bier für Vater, aber damals mit der Milchkanne !!!

Unser Friseur, gegenüber dem Mozarthaus, war noch vom alten Schlag. In der Werkstatt wieselten die Gehilfen herum, es gab eine Sitzkassa mit einer unendlich dicken Chefin, die alles überwachte und die Preise in eine imposante silberne Kassa tippte. Sie überwachte die Kunden in der Reihenfolge, gab Befehl wenn die Haare zusammen zu kehren waren und wärmte im Geschäft das Essen des Perso­nals auf, wenn es der Kundenstrom zuließ daß eine kleine Pause eingelegt werden konnte. Das Geschäft wurde dann kurz nach Kriegsende geschlossen. Die Männer rasierten sich selber und so verlor sich ein Großteil der Arbeit.

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Wir hatten riesig hohe Zimmer, die nicht leicht zu beheizen waren. Andererseits war es eine Möglichkeit, einen großen Christbaum aufzustellen. Die ersten Jahre hatten wir Bäume, die wirklich noch einen Wald darstellten. Einmal gab es eine Douglas­fichte, die bis zu Maria-Lichtmeß am 2. Februar stehen blieb, ohne die Nadeln zu verlieren. Schließlich gab es in jedem Zimmer nur einen Ofen. Und alle Öfen dau­ernd in Betrieb zu halten war uns zu an­strengend, so daß das Weihnachtszimmer - der Kundensalon - recht kühl blieb.

In den weiteren Jahren wurde der Baum dann auf ein Stockerl gestellt, damit die Spitze immer noch an den Plafond reichte.

Nach dem Krieg stand der Baum schon auf einen Tisch und reichte trotzdem nicht mehr zur Decke. Wichtiger war aber das, was unter dem Baum lag. 1947 bekamen mein Bruder und ich jeder eine neue Armbanduhr, die eine Kunde gestiftet hatte. Vater hatte im Gegenzug Stoff für Mäntel dieser Kunden besorgt. Es waren Schweizer Uhr-Mo­delle und für damals eine ganz besondere Auszeichnung, solch eine Uhr besitzen zu kön­nen. Schließlich hatten ja die Russen unsere Uhren kassiert.

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Die Waschküche des Hauses befand sich auf der 2. Stiege im Zwischengeschoß. Die Wäsche mußte daher bei uns hinuntergetragen werden, wobei der 1. Stock bereits 53 Stufen hatte. Denn es gab ein Mezzanin und ein Zwischengeschoß.

Dann wieder auf der  2. Stiege in das Zwischengeschoß hinauf. Brennmaterial und Wasser mußten natürlich für den Waschbottich hergerichtet werden. Nach dem Auskochen im gemauerten Herd wurde im Bottich mit der Waschrumpel noch einmal nachgewaschen. Dann die Wäsche wieder hinunter über den gedeckten Hof, bei uns wieder die 53 Stufen hinauf.

Auf das Trocknen der Wäsche am Dachboden verzichteten wir, denn da wären es nochmals 3 Stockwerke gewesen. So bastelte mein erfinderischer Vater einen Wäschetrockner in der Küche. Sie war ja schließlich riesig groß mit ihren etwa 26 m². Es war ein großes Trocken­gestell zum Aufziehen auf den Plafond. Ein großes Fenster in den Hof sorgte für Lüftung.

Von diesem Fenster aus sahen wir in einen Hinterhof des Zwettlhofes, jenes im kirch­lichen Besitz befindliche Gebäude mit den zwei Durchgängen zur Wollzeile. Dort kamen des Öfteren Straßensänger herein und spielten auf der Geige, manchmal sangen sie sogar dazu, je nach Begabung, bis sich die Fenster öffneten und die Leute ihre Groschen hinunterwarfen. Dazu durfte ich die Groschen in ein Stück Zei­tungspapier wickeln, damit sie beim Aufprall nicht davonliefen und für den Spieler leichter zu finden waren. Dieser spielte sein Stück schlecht und recht fertig, schaute aber immer nach oben und bedankte sich für jedes hinuntergeworfene Geldstück artig. Dann klaubte er alles zusammen und verließ den Hof für eine Woche. Recht pünktlich kam er wieder, so wie die Bettler an der Türe.

Die Lehrmädchen öffneten immer in Erwartung einer Kundschaft, doch war es des Öfteren eben ein Bettler. Dafür stand hinter der Türe ein Körberl mit Kleingeld. Die Mädchen hatten den Auftrag, je nach Gefühl einen oder mehrere Groschen zu verteilen. Es entwickelte sich bei den Bettlern direkt ein Fahrplan nach dem sie anläuteten, um nur ja immer DAS Mäd­chen zu erwischen, das am freigiebigsten war.

Wir hatten bereits einen Eiskasten. Das war ein Holzkasten mit Eislade, in dem kühl zu haltendes Gut gelagert war. Die Butter und Milch wurden zwar meist in Tongefäßen im Wasser gekühlt, aber für den Rest war eben der Eiskasten da. Der Eismann war eine feste Einrichtung. Er kam regelmäßig zu bestimmten Zeiten und belieferte auch das Lebensmit­telgeschäft im Haus.

Ich mußte am Balkon aufpassen, wenn der Wagen mit dem Eis kam. Dann lief ich hinunter und bestellte einen halben oder ganzen Eisblock. Der Mann hatte eine Art Stichel, mit dem er ganze Blöcke zerteilen konnte. Mit einem groben Jutesack über der Schulter und Fäust­lingen trug er dann das gewünschte Stück zu uns hinauf und zerlegte gegen ein Trinkgeld auch den halben Block noch in kleine Stücke, die in die Eislade paßten. Das gab ihm Gele­genheit mit unserem Hauspersonal zu trat­schen und eine kleine Pause einzulegen. Anfäng­lich kam er noch mit einem Pfer­dewagen, später bereits mit einem Auto.

  Blick in die Schulerstraße zum Mozarthaus. Untern die Weinstube und Gasthaus Schuster,                                         Großer blühender Kaktus am Balkon

                                

Unser Hausbesorger, dessen Wohnung im unteren Zwischengeschoß lag, war ein gelernter Tischler. Er lebte davon, daß er im ganzen Haus seine Dienste anbot und sich so ein Zubrot verdiente. Im Keller - Lüftung nach oben unter ein Fußgitter des Innenhofes - hatte er sich eine Werkstatt eingerichtet. Er war als Bastler auch recht findig und hat den Hausbewoh­nern nach Ende des Krieges viel geholfen die Schäden wieder zu reparieren.

Wenn man in den Keller wollte, hatte er an der Innenseite seiner Türe eine Art Post­kastl angebracht, das nur die Hausbewohner kannten und wo man durch eine kleine Öffnung durchgreifen konnte. Darin lag der Kellerschlüssel mit angebun­denem Stecker. Dieser war kurzgeschlossen. Und bei einer eigens dafür präparierten Steckdose konnte man damit das Licht im Keller zum Leben erwecken. Damit hat niemand das Licht brennen lassen, denn ohne den Stecker war auch kein Schlüssel zum Versperren bei der Hand. Und mit Strom wurde damals gespart.

In unserem ebenfalls riesigen Badezimmer stand die Badewanne mit den gußeiser­nen Löwenfüßen ebenso wie der holzgeheizte Badeofen auf einem eigenen Beton­sockel. Samstag war Badetag. Da wurde morgens bereits eingeheizt und die Badeeinteilung ge­macht. Beim ersten Mal war ich dran. Mein Vater wollte mich abschrubben und war der Meinung, daß das Wasser einfach die richtige Tempera­tur fürs Duschen haben mußte. Ich schrie wie am Spieß, als er mit der Dusche auf mich losging. Er meinte es wäre meine Abneigung gegen das Baden schlechthin. Erst dann erkannten wir, daß man auch Kaltwasser dazu mischen mußte um die richtige Temperatur zu erzielen. Man glaubte einfach, die Technik mache schon alles richtig. (Es soll heute nicht viel anders sein.)

Die große Wohnung in der Schulerstraße hatte heiztechnisch natürlich enorme Nachteile. Im riesigen Vorzimmer war es so kalt, daß der in der Fensternische einge­baute Gasometer (Gasmesser) öfters einfror. Diese alten Gasometer arbeiteten mit Wasser. Da wir für die Bügeleisen in der  Schneiderei auf das Gas angewiesen wa­ren, mußten wir dann eiligst den Mann vom Gas­werk verständigen, dem wir viel am Kachelofen aufgewärmtes Wasser zur Verfügung stellten. Damit hat er den Gasmes­ser wie­der aufgetaut und in Betrieb gesetzt. Bis dahin war der Betrieb eben nur aufs Nähen beschränkt.

Mein Bruder Peter in der Werkstatt. Hinten der Gasofen zum Aufheizen      

der  Bügeleisen,  auf den wir angewiesen waren. Die Gasleitung kam frei als Gummischlauch auf der Gasauslaßdüse an der Wand!

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Noch ein historisches Bild! Gegenüber von uns wohnte Prälat Wildenauer.

Einmal, zu Weihnachten 1955 war auch Prälat Wildenauer, ein Bergsteigerfeund meines Vaters, der Erschließer der Hohen Wand und Verfasser eines Kletterführers der Hohen Wand, mit seinen Schwestern bei uns auf Besuch.  Davon ist sogar noch ein Bild erhalten. Vorne sitze ich mit meiner  Frau, der Mutter meiner Kinder, links meine Mutter und hinten Prälat Wildenauer mit seinen Schwestern, die ihm den Haushalt führten. Sein Buch "Ruf der Berge" hat bei mir einen Ehrenplatz, da hat er mir eine Widmung mit  Gedanken über unseren Namen hineingeschrieben.

 

                    

 

                                                                              

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Mutter hat aktiv in einem Mandolinenorchester mitgespielt. Die alte Mandoline gibt es heute nicht mehr. Sie war noch mit vielen Bän­dern und Fähnchen geschmückt. Es war damals als Gastgeschenk bei Veranstaltungen so üblich diese Bänder auszutauschen, wie heute die Wimpel beim Fußball.

Ihren Mann, meinen Vater, hat sie anläßlich einer Führung (Wanderung) kennenge­lernt, zu der sie als Einzige kam und im Laufe der Führung dann näher Kontakt auf­nahm. Vater war Wan­der­führer im ÖGV.

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In der Folge hat Mutter nach der Heirat 1925 im gemeinsamen Geschäft immer Buchhal­tung und die Kassa gemacht und damit immer die Übersicht über die wirt­schaftliche Seite des Betriebes, mit bis zu 16 Arbeiterinnen (einschl. Lehrlingen) be­halten.

Sie trauerte bis zum Schluß um die verlorene Chance, ihre zeichnerischen Talente nicht eingesetzt zu haben, die auf Grund einiger erhaltener Jugendzeichnungen von ihr offensichtlich vor­handen waren. Ihre Schwester wurde in späteren Jahren zu einer recht talen­tierten Malerin, hatte auch verschiedene Ausstellungen und schrieb öfters Gedichte, so auch ein Bild mit Gedicht zu meiner Geburt das leider verschollen ist.

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Wir - Vater und ich - gingen zum Dollfuß-Begräbnis. Von unserer Woh­nung in der Innen­stadt gingen wir zum Heldenplatz und dann nach rechts zum Volksgar­ten, gegenüber dem Stadtschulratsgebäude. Die Straßenbeleuchtung brannte an die­sem trüben Sommertag des Jahres 1934. Das gab so eine traurige Stim­mung der auch ich mich nicht entzie­hen konnte.  Vater erzählte mir vom Tod des Bundeskanz­lers, erklärte mir die im langsamen Schritt vorbei­ziehen­den Truppenteile und ver­suchte mir die Hintergründe zu erzählen. Mir blieb bei allem Unverständ­nis meiner Jugend nur im Gedächtnis, daß dieser Mann eines einsamen und armen Todes gestorben sei, wobei ich mir darunter letztlich doch nichts vorstellen konnte.

Später haben wir dann beim Besuch des Zentralfriedhofes, wo Großvater begraben ist, auch die Gräber jener politischen Gefallenen besucht, die beim Rondeau links der Luegerkirche begraben sind. Hier erhielt ich immer Geschichtsunterricht der mir leider immer nur den Eindruck vermittelte, daß Politik mit Kampf und Toten zu tun hat.

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Mein Bruder Peter ist am 1934 in der Frauenklinik Gersthof in der Wielemansgasse geboren. Also in dem Jahr, in dem wir in die Wohnung in der Schulerstraße einzo­gen. Peter ist mir in dieser Zeit nicht sehr gegenwärtig. Ver­mutlich hat er die meiste Zeit mit Mutter verbracht während ich viel Zeit bei der Großmutter war. Peter und ich  hatten ein gemeinsames Kinderzimmer mit Blick auf den Stephansdom. Vor dem Fenster mit dem breiten Sims hatten wir ein Blumen­kistl und davon an die Oberkante des Fensters Spagat gespannt daran rankten sich Bohnen empor, die wir bei Bedarf ernteten.  Auch am Bal­kon gab es immer ein Stöckel Schnittlauch und Petersil und irgendwel­che Sachen, die mir Buben damals egal waren, von Mut­ter aber sorgfäl­tig gehütet wurden. Jeder hatte sein eigenes Bett, Peter noch lange ein Gitterbett unter dem wir geschützt wie in einer Höhle unseren Spielplatz einrich­teten. Hin und wieder hat es auch Mei­nungsverschiedenheiten zwischen uns gege­ben, dabei habe ich ihm einmal einen Federhalter wie einen Pfeil ins Gesicht ge­worfen und ihn knapp neben dem Auge verletzt. Da habe ich dann doch Gewis­sensbisse bekommen und wurde für eine Zeit friedli­cher.

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Peter war zu Kriegsende und auch nach dem Krieg noch einige Monate in Haut­zendorf/Weinviertel), wo er "Kinder-Landverschickt" war und in Mistelbach in die Hauptschule ging. Ebenso war er eine Zeitlang in Oberösterreich im Sauwald - St.Ägydi, am Wimmerhof (Vulgo-Hausname), Familie Stuhlberger, wo ich ihn auch einmal mit dem Fahrrad besucht habe. (Das war Jahre später, als ich mit dem Rad auf die Moosalm bei Schlierbach zum Sommerlager der Pfarrjugend fuhr).

Dorthin habe ich auch über die Pfarre St.Stephan den Sohn des Artisten Eisemann zur Erholung vermittelt. Der  Artist war bei der Überquerung des Donaukanals am Seil vom Rettungsgebäude unterhalb der Urania, gemeinsam mit der Tochter, die er auf den Schultern trug, auf den Vorkai am rechten Ufer abgestürzt. Zufällig war ich an diesem Abend gerade in der Urania. Den Aufschrei der Zuschauer hörte man bis in den Zuschauerraum im großen Saal hinein. Seine Tochter meldete sich auf seinen Aufruf, daß er jemand auf den Schultern über den Donaukanal tragen würde, immer aus dem Publikum. Wir konnten den Sohn Peter dann einen Aufenthalt in St.Ägydi neben meinem Bruder vermitteln, damit er sein Trauma abbauen konnte. Ich habe ihn später aus den Augen verloren. Lange Jahre stand an der Stelle des Absturzes ein Gedenkkreuz.

Bei Begräbnis des Artisten und seiner Tochter am Zentralfriedhof war ich Ministrant. Da wurde ein Trauermarsch gespielt, zu dem wir in einer Jugendaufführung im Fasching einen Text hatten, der „In der Nach um halbazehni geht der Hintertupfer Beni…“ beginnt.  Der fiel mir gerade dann ein und ich hatte Mühe nicht daran zu denken.

                                                             Erinnerungen Teil 3  ENDE                                             Fortsetzung Teil 4